Das American Petroleum Institute (API) berichtet für die Woche bis zum 24. Juli von einem deutlich stärkeren Rückgang der US-Rohölbestände als von den Märkten erwartet. Während Analysten lediglich einen Abbau von 0,6 Millionen Barrel prognostizierten, geht das API von einem Rückgang um 3,3 Millionen Barrel aus. Besonders bedeutsam ist dabei auch der erneute Bestandsabbau im wichtigen Lagerstandort Cushing in Oklahoma, dessen Vorräte bereits seit Wochen auf einem kritischen Niveau liegen. Da sich die US-Rohölbestände insgesamt ohnehin in der Nähe historischer Tiefstände bewegen, würde sich die Versorgungslage bei einer Bestätigung dieser Zahlen weiter verschärfen. Gleichzeitig meldet das API einen Anstieg der Benzinbestände um 0,9 Millionen Barrel, obwohl die saisonal hohe Sommernachfrage zuletzt zugenommen hat und die Vorräte weiterhin vergleichsweise niedrig sind. Die Destillatbestände gingen leicht zurück. Ob sich diese Entwicklungen tatsächlich bestätigen, werden erst die offiziellen Bestandsdaten des US-Energieministeriums (DOE) zeigen, die aufgrund ihrer empirischen Datengrundlage als deutlich aussagekräftiger gelten. Sie liefern zudem Informationen zur Nachfrageentwicklung, Raffinerieauslastung und zum Außenhandel und könnten aufzeigen, ob der Rückgang der Rohölbestände teilweise auf den Tropensturm Bertha zurückzuführen ist, der zeitweise Offshore-Förderanlagen außer Betrieb setzte.
Parallel dazu verschlechterte sich die geopolitische Lage im Nahen Osten erneut deutlich. Hoffnungen auf eine diplomatische Entspannung wurden durch neue militärische Auseinandersetzungen zunichtegemacht. Berichten zufolge griffen die iranischen Revolutionsgarden einen US-Luftwaffenstützpunkt und ein Kommandozentrum in Jordanien mit ballistischen Raketen an und stoppten zudem drei Tanker nach Raketenangriffen. Das US-Zentralkommando erklärte, einen iranischen Angriff auf US-Truppen abgewehrt zu haben, bestätigte zugleich jedoch Gegenangriffe auf mit Iran verbündete Gruppen im Irak, nachdem diese US-Streitkräfte und saudische Energieanlagen ins Visier genommen hatten. Eine rasche Deeskalation erscheint deshalb unwahrscheinlich. Marktbeobachter gehen davon aus, dass die anhaltenden Risiken durch Raketen, Drohnen, Seeminen und mögliche Angriffe auf die Schifffahrt den Transport durch den Persischen Golf weiterhin erheblich beeinträchtigen werden. Entsprechend bleibt auch der Schiffsverkehr durch die strategisch wichtige Straße von Hormus deutlich eingeschränkt. Gleichzeitig lehnte der Iran einen Vorschlag Omans zur gemeinsamen Kontrolle der Schifffahrtsroute ab und beharrte auf einer weitgehenden iranischen Kontrolle der Wasserstraße.
Auch auf diplomatischer Ebene zeichnet sich keine schnelle Lösung ab. US-Präsident Donald Trump traf den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, um weitere militärische Eskalationen zu verhindern. Nach dem Gespräch äußerte sich Netanjahu jedoch skeptisch hinsichtlich einer baldigen Einigung. Insgesamt sorgen die Kombination aus den erwarteten niedrigen Rohölbeständen und den zunehmenden geopolitischen Spannungen für eine deutlich bullishe Markteinschätzung. Zwar könnten die offiziellen DOE-Daten bei unerwartet schwachen Ergebnissen kurzfristig Druck auf die Ölpreise ausüben, aktuell überwiegen jedoch die preistreibenden Faktoren. Entsprechend bleiben die Notierungen an den internationalen Terminmärkten ICE und NYMEX auf hohem Niveau, was sich auch in steigenden Inlandspreisen widerspiegelt.