Iran-Gespräche ohne Durchbruch – Marktunsicherheit bleibt hoch

USA/Iran: Gespräche sollen weiter gehen – MilitärischerDruck bleibt hoch
Glaubt man dem iranischen Außenminister Abbas Aragtschi, sind bei der gestrigen dritten Verhandlungsrunde in Genf große Fortschritte erzielt worden. Ab Montag seien „technische Gespräche“ in Wien geplant und auch auf politischer Ebene soll weiter verhandelt werden. Wie greifbar ein neues Atomabkommen tatsächlich ist bleibt abzuwarten. Die USA schließen einen Militärschlag unterdessen weiterhin nicht aus.

Aragtschi bezeichnete die gestrigen Gespräche als die „beste und ernsthafteste Runde“ und sagte vor Reportern: „Vielleicht war die Ernsthaftigkeit für das Erreichen einer Einigung sichtbarer als zuvor“. Die US-Delegation hielt sich bedeckt, hier gab es kein offizielles Statement über den Verlauf der Verhandlungen. Am Montag soll es nun in Wien Gespräche auf technischer Ebene geben, bei denen es um den Vorschlag für ein neues Atomabkommen gehen wird. Deshalb werden auch Vertreter der Internationalen Atomaufsichtsbehörde IAEA teilnehmen.

Aus Ölmarktsicht sind das erst einmal gute Nachrichten, auch wenn die sprichwörtliche Kuh noch nicht vom Eis ist und die amerikanische Drohkulisse groß bleibt. In einem Interview mit der „Washington Post“ sagte US-Vizepräsident JD Vance zwar, dass ein „jahrelanger Krieg ohne absehbares Ende im Nahen Osten“ nicht passieren werde, darin steckt aber auch die Aussage, dass kurze, heftige Angriffe – wie etwa letzten Juni, als Israel und die USA gemeinsam die iranischen Atomanlagen zerbombten – im Rahmen des Möglichen liegen. Vance sagte, er wisse nicht, wie sich Trump entscheiden werde. Als Optionen beschrieb er sowohl Militärschläge „um sicherzustellen, dass der Iran keine Atomwaffe bekommt“, als auch eine diplomatische Lösung.

An den Ölbörsen bleibt man deshalb auch heute wachsam, denn die Unsicherheit, wie es im Iran weiter geht, ist unverändert groß. Im Falle einer militärischen Eskalation könnte es schnell zu signifikanten Ausfällen bei der Ölproduktion und den -exporten kommen, vor allem, wenn Teheran die Straße von Hormus blockieren sollte. Durch die Meerenge fließt täglich etwa ein Fünftel des gesamten globalen Ölbedarfs.

Marktlage
Nach einem extrem volatilen Donnerstag scheinen sich die Ölbörsen heute erst einmal wieder zu stabilisieren, nachdem die USA und der Iran ihre Atomgespräche in der kommenden Woche fortsetzen wollen. Gleichzeitig richtet sich ein Teil der Aufmerksamkeit am Markt nun auch wieder auf die OPEC+, die am Sonntag eine erneute Ausweitung der Fördermengen beschließen dürfte.

Die gestrige Verhandlungsrunde zwischen Teheran und Washington hatte zwar keinen Durchbruch gebracht, aber auch (noch) nicht die befürchtete Militäreskalation. Dennoch bleibt das Risiko hoch, denn vieles deutet darauf hin, dass vor allem das Thema Urananreicherung eine kaum zu überwindende Hürde bleibt. Die Vereinigten Staaten wollen hier keine Kompromisse machen, denn sie befürchten, dass der Iran eine Atombombe bauen könnte. Teheran bestreitet das vehement.

US-Präsident Trump hat die größte militärische Aufrüstung im Nahen Osten seit dem Zweiten Golfkrieg 2003 angeordnet und dem Iran immer wieder mit Angriffen gedroht, sollte es nicht zu einer Einigung kommen. Gleichzeitig hatte er jedoch auch wiederholt seine Präferenz für eine diplomatische Lösung signalisiert. In der vergangenen Woche hatte er Teheran eine Frist von zehn bis 15 Tagen für ein Abkommen gesetzt.

Haris Khurshid, Chief Investment Officer bei Karobaar Capital, kommentiert die gestrigen Gespräche folgendermaßen: „Es gibt keinen neuen Schock, und sowohl Eskalation als auch Diplomatie stehen weiterhin im Raum“. Er rechnet jedoch auch weiterhin mit hoher Volatilität, die er mit dem Schwanken zwischen wachsendem Risiko und gleichzeitig ausbleibenden Verknappungen am physischen Markt begründet.

June Goh, leitende Analystin bei Sparta Commodities, erklärte, der Ton der Gespräche deute auf geringe Kompromissbereitschaft beider Seiten hin. Die Wahrscheinlichkeit eines US-Militärschlags gegen den Iran steige, wenn gleich ein etwaiger Einsatz wohl begrenzt bliebe. „Händler verharren vor dem Wochenende in einer abwartenden Haltung – einerseits angesichts zunehmender Spannungen mit dem Iran, andererseits mit Blick auf das OPEC+-Treffen am Sonntag, bei dem eine Produktionsanhebung wahrscheinlich ist“, fügt sie an.

Überraschungen dürfte es bei dem OPEC+ Meeting wohl keine geben, denn die Signale im Vorfeld waren klar. Schon letztes Jahr hatten die acht Länder, die sich an freiwilligen Zusatzkürzungen beteiligen, angekündigt, nach einer Pause im nachfrageschwächsten ersten Quartal ab April wieder mit dem Abbau der freiwilligen Kürzungen zu beginnen. Zuletzt hieß es aus Insiderkreisen, dass am Sonntag wahrscheinlich eine Förderanhebung um 137.000 ab April beschlossen werden dürfte.

Ob diese allerdings im Zuge der Spannungen im Nahen Osten einen spürbaren bearishen Effekt auf die Ölbörsen haben wird, darf zumindest angezweifelt werden. Solange es am Persischen Golf keine Anzeichen einer Deeskalation gibt, dürfte die Risikoprämie erhöht bleiben und stärkere Preisnachlässe verhindern.

Obwohl die fundamentalen Faktoren eigentlich auf eine leicht bearishe Ausgangslage hindeuten, bleibt es am Ölmarkt durch die enorme Unsicherheit an allen Ecken und Enden volatil. Bei den Inlandspreisen zeichnen sich nach den starken Schwankungen von gestern am Freitagmorgen erst einmal leichte Preisaufschläge ab.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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