Ölfutures orientieren sich nach gestrigem Rücksetzer erneut nach oben

Iran meldet Angriff auf Energieanlagen
Am gestrigen Montag hatte die Aussage von US-Präsident Trump, die angedrohten Angriffe auf Irans Kraftwerke und Energieanlagen um fünf Tage zu verschieben, noch für einen Preissturz an den Ölbörsen gesorgt. Am heutigen Dienstag berichtete die staatliche iranische Nachrichtenagentur Fars von Angriffen auf zwei Energieanlagen in den Städten Isfahan und Khorramshahr.

Demnach soll in Isfahan ein Verwaltungsgebäude und eine Station zur Druckreduktion an einer Erdgasanlage getroffen worden sein. In Khorramshahr soll angeblich ein Projektil außerhalb der Pumpstation einer Gaspipeline eingeschlagen haben. Während in Isfahan Schäden an Teilen der (bereits vor dem Angriff abgeschalteten) Anlage und an einigen Wohnhäusern der Umgebung entstanden sein sollen, wurde die Energieversorgung in Khorramshahr nach Angaben eines Bezirksbeamten nicht unterbrochen.   

DOE teilt erste 45,22 Mio. Barrel an strategischen Reserven zu
Das US-Energieministerium (DOE) gab am gestrigen Montag bekannt, dass bei der ersten Ausschreibung für Rohöl aus den strategischen Ölreserven (SPR) der USA im Rahmen der aktuellen, mit der IEA koordinierten Freigabe die ersten Mengen zugeteilt wurden. Insgesamt acht Unternehmen erhielten den Zuschlag für eine Menge von insgesamt 45,22 Mio. Barrel.

Zur Ausschreibung standen eigentlich bis zu 86 Mio. Barrel, die das DOE im Rahmen von Tauschgeschäften freigeben wollte, bei denen die Unternehmen die erhaltenen Mengen mit einem gewissen Mengenaufschlag zurückgeben müssen. Die nun zugeteilten 45,22 Mio. Barrel sollen im April und Mai an die jeweiligen Unternehmen gehen, die die erhaltenen Mengen im Zeitraum von November 2026 bis einschließlich September 2028 wieder in die SPR zurückfließen lassen müssen. 

Die größte Menge geht mit 16,2 Mio. Barrel an die Shell Trading (US) Company, während das Handelshaus Trafigura Trading LLC 8,86 Mio. Barrel und MarathonPetroleum Company LP 7,7 Mio. Barrel erhalten sollen. Auch den Unternehmen BPProducts North America, Gunvor USA LLC, Vitol Inc. und Mercuria Energy America LLC wurden Mengen aus der ersten Ausschreibung zugesichert. 

Die IEA hatte am 11. März infolge des Iran-Kriegs und der faktischen Sperrung der Straße von Hormus die Freigabe von 400 Mio. Barrel Öl aus den strategischen Reserven ihrer 32 Mitgliedsländer angekündigt und damit die umfangreichste Freigabe, die es je gab. Während einige Länder auch Produktreserven auf den Markt bringen wollen, werden die USA nur Rohöl freigeben.

Marktlage
Das Risiko eines Schleudertraumas ist für Trader an den Ölbörsen auch in der neuen Handelswoche immer noch hoch. Dies zeigte der Preisrutsch, zu dem es gestern Mittag an ICE und NYMEX kam, nachdem US-Präsident Trump über sein bevorzugtes Kommunikationsmittel - einem Post auf Truth Social - mitgeteilt hatte, die USA würden in den nächsten fünf Tagen keine Kraftwerke und Energieanlagen angreifen. Im selben Post schrieb er von Gesprächen zwischen den USA und Iran und weckte damit die Hoffnung, dass der Iran-Krieg und damit auch die Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus vielleicht bald vorbei sein könnten.

"Indem die USA den Plan, iranische Kraftwerke anzugreifen, für fünf Tage auf Eis legten, entzogen sie dem Ölpreis effektiv einen Großteil der ‚Kriegsprämie‘", kommentiert der Analyst Tim Waterer von KCM Trade den gestrigen Preisrutsch, der Brent wieder zurück unter 100 Dollar und WTI unter 90 Dollar schickte. Allerdings meint Waterer auch: "Händler wissen, dass die Straße von Hormus trotz der vorerst ausgesetzten Raketenangriffe noch lange keine sichere Wasserstraße ist."

Seine Branchenkollegin Helima Croft von RBC Capital Markets LLC sieht dies ähnlich: "Schiffe, nicht Äußerungen werden wohl letztlich das sein, was für die physischen Märkte entscheidend ist", so die Expertin, die mit Blick auf die möglicherweise hinter den Kulissen stattfindenden oder auch nicht stattfindenden Gespräche zwischen den USA und Iran auch darauf verweist, dass die Islamische Revolutionsgarde möglicherweise gar nicht zu einem Abkommen bereit sei, "solange sie die Straße von Hormus fest im Griff hat.“

Davon abgesehen ist die Frage, wie lange sich die anderen Länder in der Region noch aus dem Konflikt heraushalten, sollte der Iran ihre Energieanlagen weiter angreifen. In einem Bericht der amerikanischen Tageszeitung Wall Street Journal hieß es zuletzt, dass vor allem in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten der Unmut über das Vorgehen Teherans mittlerweile so hoch ist, dass man sich dort wohl ein Eintreten in den Krieg zumindest vorstellen könnte.

Selbst ohne eine Beteiligung anderer Länder der Region am Iran-Krieg könnte der Brent-Preis den Analysten von Macquarie zufolge noch auf 150 Dollar pro Barrel steigen, sollte die Straße von Hormus noch bis Ende April nicht wirklich befahrbar sein. "Selbst bei einer möglichen Entspannung der Lage nach der Ankündigung von Präsident Trump am Montag erwarten wir einen Preisboden von 85 bis 90 US-Dollar und eine natürliche Rückkehr in den Bereich um 110 US-Dollar", bis der normale Schiffsverkehr in der Straße von Hormus wiederhergestellt sei, so die Analysten in einer Kundenmitteilung.

Abzuwarten bleibt unterdessen, welchen Einfluss die freigegebenen Mengen aus den strategischen Ölreserven der IEA-Länder noch haben werden. Nachdem Japan bereits vergangene Woche die ersten Maßnahmen diesbezüglich ergriff, gab das US-Energieministerium nun das Ergebnis der ersten Ausschreibung im Rahmen der koordinierten Freigabe bekannt. Bisher belaufen sich die zugeteilten Mengen, die im April und Mai an die Unternehmen abgegeben werden, allerdings nur auf rund 45 Mio. Barrel, was deutlich weniger ist, als die 86 Mio. Barrel, die für die erste Tranche angedacht waren.

Wie es um die Versorgungslage in den USA in der vergangenen Woche bestellt war, darüber werden heute Abend die Bestandsschätzungen des API erste Aufschlüsse geben. Die offiziellen Daten des DOE folgen am morgigen Mittwoch um 15:30 Uhr und werden wie üblich auch konkrete Daten zu Rohölproduktion, Nachfrage und Raffinerieauslastung der USA beinhalten. Aktuell notieren die Ölfutures an ICE und NYMEX oberhalb der Vortagestiefs, wenngleich Brent und WTI die ersten Widerstände noch nicht knacken konnten. Bei den Inlandspreisen deutet sich rein rechnerisch im Vergleich zu gestern immer noch Potenzial für Abschläge an.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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