Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus ist auf den niedrigsten Stand seit Anfang Mai gefallen. Nach Angaben des Analyseunternehmens Kpler passierte am Donnerstag lediglich ein einziger Öltanker die strategisch bedeutende Meerenge, nachdem am Vortag noch drei Tanker unterwegs gewesen waren. Der einzige Tanker war der Supertanker New Giant, der mit zwei Millionen Barrel irakischem Basrah-Rohöl beladen die Straße von Hormus verließ und Mitte August den chinesischen Hafen Rizhao erreichen soll. In Gegenrichtung fuhr an diesem Tag kein einziges Schiff in die Meerenge ein. Gleichzeitig nahm der Tankerverkehr durch die Straße von Bab el-Mandeb am südlichen Eingang des Roten Meeres wieder leicht zu. Dort stieg die Zahl der Durchfahrten von 26 auf 32 Schiffe. Vierzehn Tanker liefen in das Rote Meer ein, während 18 die Meerenge in Richtung Golf von Aden verließen, darunter neun mit Rohöl beladene Schiffe, einschließlich zweier chinesischer Supertanker.
Die angespannte Sicherheitslage im Nahen Osten beeinflusst den Ölmarkt weiterhin erheblich. Nach den deutlichen Preissteigerungen der vergangenen Tage verharrten die Ölpreise am Freitagmorgen zwar auf hohem Niveau, steuerten aber dennoch auf ein Wochenplus von mehr als 13 Prozent zu. Bereits am Donnerstag überschritt der Brent-Ölpreis erstmals seit zwei Monaten wieder die Marke von 100 US-Dollar je Barrel. Ausschlaggebend dafür waren insbesondere Huthi-Angriffe auf Tanker im Roten Meer sowie verschärfte Drohungen des US-Präsidenten Donald Trump gegenüber dem Iran. Trump kündigte für den Fall weiterer Angriffe der Huthi eine massive militärische Reaktion an und erklärte, er erwäge zudem einen groß angelegten Angriff auf den Iran. Außerdem stellte er in Aussicht, künftige Schäden an Schiffen und deren Ladung aus eingefrorenen iranischen Vermögenswerten unter US-Kontrolle zu begleichen, ohne jedoch konkrete Einzelheiten zur Umsetzung zu nennen.
Parallel dazu intensivierten die USA ihre militärischen Aktivitäten. Das US-Zentralkommando (Centcom) erklärte, in der dreizehnten Nacht in Folge Angriffe auf Ziele im Iran durchgeführt zu haben. Ziel dieser Operationen sei es, die Fähigkeit des Iran einzuschränken, weitere Angriffe auf die kommerzielle Schifffahrt in der Straße von Hormus durchzuführen. Die äußerst geringe Zahl an Tankerdurchfahrten verdeutlicht nach Einschätzung von Marktbeobachtern die erheblichen Auswirkungen dieser Eskalation auf den internationalen Ölhandel.
Analysten bewerten die aktuelle Versorgungslage zunehmend kritisch. Die ING warnt, dass die potenziellen Lieferausfälle inzwischen größer seien als zu jedem anderen Zeitpunkt seit Beginn des Krieges. Neben dem nahezu zum Erliegen gekommenen Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus gerieten inzwischen auch die saudischen Ölexporte über das Rote Meer zunehmend unter Druck. Eine weitere Eskalation am Persischen Golf könnte einen erheblichen Teil des weltweiten Ölangebots gefährden und die Unsicherheit an den Energiemärkten weiter verstärken. Auch andere Marktbeobachter erwarten bei einer Verschärfung der Lage deutliche Preissteigerungen. Jay Hatfield von Infrastructure Capital Management rechnet bei einem weitgehenden Zusammenbruch des Schiffsverkehrs im Roten Meer mit einem Ölpreis von rund 120 US-Dollar je Barrel. Er begründet dies damit, dass nur deutlich höhere Preise die Nachfrage ausreichend dämpfen könnten. Chris Weston von der Pepperstone Group sieht ebenfalls weiteres Aufwärtspotenzial und hält einen Anstieg des Brent-Preises auf 110 US-Dollar je Barrel für wahrscheinlich, sofern keine spürbare Annäherung der Konfliktparteien oder ein glaubwürdiger Weg zu einem Friedensabkommen erkennbar wird.
Zusätzlichen Druck auf den Ölmarkt üben die Entwicklungen in Kasachstan aus. Mehrere Ölunternehmen reduzierten ihre Förderung, nachdem mutmaßliche ukrainische Angriffe den Betrieb des Exportterminals des Caspian Pipeline Consortium (CPC) an der russischen Schwarzmeerküste erheblich beeinträchtigt hatten. Das kasachische Energieministerium bestätigte Produktionskürzungen, machte jedoch keine Angaben zu deren Umfang. Nach Informationen aus Branchenkreisen senkte das größte Ölfeld des Landes seine Förderung um mehr als die Hälfte. Bereits zuvor hatte das CPC den vorübergehenden Annahmestopp für kasachisches Rohöl eingeleitet. Da über die CPC-Pipeline nicht nur ein Großteil der kasachischen Ölproduktion, sondern auch rund zwei Prozent des weltweiten täglichen Rohölangebots transportiert werden, verschärfen diese Ausfälle die ohnehin angespannte Versorgungslage zusätzlich.
Insgesamt bleibt die fundamentale Markteinschätzung klar auf steigende Ölpreise ausgerichtet. Trotz einer kurzfristigen Verschnaufpause nach der jüngsten Preisrally sprechen die Kombination aus stark eingeschränktem Tankerverkehr, geopolitischen Spannungen im Nahen Osten, militärischer Eskalation sowie zusätzlichen Produktions- und Exportausfällen in Kasachstan weiterhin für ein knappes Ölangebot und anhaltenden Aufwärtsdruck auf die Preise. Zwar zeichneten sich im frühen Inlandshandel kurzfristig leichte Preisrückgänge ab, im Vergleich zum Vortag lagen die Preise jedoch weiterhin deutlich höher.