US-Präsident Donald Trump scheint seine Strategie gegenüber dem Iran zunehmend von einer militärischen auf eine wirtschaftliche Konfrontation zu verlagern. Die vergangenen Wochen und Monate haben offenbar gezeigt, dass sich eine militärische Niederlage des Iran allein durch Luftangriffe aus der Distanz kaum erzwingen lässt. Dafür wären wahrscheinlich Bodentruppen erforderlich, was den Konflikt erheblich ausweiten und die USA hohe finanzielle und personelle Kosten verursachen würde. Eine solche Eskalation dürfte Trump insbesondere mit Blick auf die bevorstehenden Midterm-Wahlen innenpolitisch vermeiden wollen. Stattdessen kündigte er eine wirtschaftliche Isolation des Iran in bislang beispiellosem Ausmaß an und bezeichnete die geplanten Maßnahmen als „wirtschaftlichen D-Day“. Die USA wollen dabei auch ihre Verbündeten einbinden und Staaten, Institutionen und Unternehmen unter Druck setzen, die den Iran unterstützen. Im Fokus stehen unter anderem der Schmuggel, internationale Geldtransfers, Immobiliengeschäfte und die Registrierung von Schiffen. Welche konkreten neuen Sanktionen und möglichen Sekundärsanktionen Washington einführen will, liess Trump jedoch offen. Das US-Finanzministerium unter Scott Bessent hatte bereits zuvor neue wirtschaftliche Sanktionen gegen den Iran angekündigt.
Die grösste Herausforderung für eine umfassende wirtschaftliche Isolation des Iran stellt China dar. Peking ist der wichtigste wirtschaftliche Partner Teherans und nimmt nahezu das gesamte iranische Rohöl auf, das exportiert wird. Analyst Brett Erickson von Obsidian Risk Advisors wertet Trumps Ankündigung deshalb als klare Botschaft an China, das die wirtschaftliche Lebensader des Iran bilde. Bereits in der Vergangenheit gelang es den USA allerdings nicht, die Handelsbeziehungen zwischen China und Iran entscheidend zu unterbrechen. Vor allem chinesische sogenannte Teapot-Raffinerien lassen sich nur schwer von US-Sanktionen treffen, während China gleichzeitig von den günstigen iranischen Rohöllieferungen profitiert. Eine konsequente Durchsetzung neuer Sanktionen könnte deshalb zu einer direkten Konfrontation zwischen Washington und Peking führen – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Trump den chinesischen Präsidenten Xi Jinping im September in die USA eingeladen hat.
Gleichzeitig zeichnet sich bei den saudischen Rohöllieferungen eine leichte Entspannung ab. Mindestens drei europäische Raffinerien dürften im September ihre bestellten Mengen von Saudi Aramco vollständig erhalten. In den vergangenen Monaten hatten die Probleme rund um die Straße von Hormus wiederholt dazu geführt, dass Saudi-Arabien vertraglich zugesagte Mengen nicht vollständig liefern konnte. Zwei europäische Raffinerien erhalten nun die vollständigen September-Mengen und können diese im ägyptischen Mittelmeerhafen Sidi Kerir übernehmen. Dadurch lässt sich das Rote Meer umgehen, wo die Huthi-Miliz Angriffe auf saudische Ölexporte angekündigt hatte. Eine weitere Raffinerie kann zwischen Sidi Kerir, dem saudischen Hafen Yanbu am Roten Meer und einem Schiff-zu-Schiff-Transfer vor der Küste Maltas wählen. Die vollständige Zuteilung deutet darauf hin, dass Saudi Aramco für September mit höheren Exportmöglichkeiten rechnet oder die Nachfrage beziehungsweise die Bestellungen zurückgegangen sind. Insgesamt signalisiert dies eine gewisse Verbesserung der logistischen Situation. Allerdings benötigte Aramco für die Zuteilung der Mengen ungewöhnlich viel Zeit, was weiterhin auf einen erhöhten logistischen Aufwand hindeutet.
An den Ölbörsen löste Trumps Ankündigung einer verschärften Isolation des Iran bislang keine deutliche Reaktion aus. Der Markt wartet zunächst darauf, welche konkreten Massnahmen Washington tatsächlich beschliesst und ob sich diese angesichts des Widerstands Chinas überhaupt wirksam durchsetzen lassen. Die USA haben die iranischen Ölexporte bereits weitgehend sanktioniert und unter anderem Geldtransfers sowie Vermögenswerte eingefroren. Deshalb bleibt offen, welche zusätzlichen Massnahmen noch möglich sind, die der Iran nicht bereits in der Vergangenheit umgehen konnte.
Für den Ölmarkt ist vor allem entscheidend, dass Trump offenbar derzeit nicht auf eine weitere militärische Eskalation setzt und gleichzeitig keine Verhandlungen mit dem Iran führt. Damit ist ein rasches Ende des Konflikts ebenso wenig absehbar wie eine schnelle Lösung der Situation rund um die Straße von Hormus. Die jüngsten iranischen Angriffe auf die Vereinigten Arabischen Emirate haben zudem zum Abbruch der Beziehungen zwischen den beiden Ländern geführt und damit einen weiteren möglichen diplomatischen Gesprächskanal zwischen Washington und Teheran geschlossen. Analysten gehen deshalb davon aus, dass die Ölpreise vorerst auf erhöhtem Niveau bleiben. Einzelne Angriffe und die zunehmende Gefahr einer länger andauernden Sperrung der Straße von Hormus stützen die Preise für Rohöl und raffinierte Produkte. Gleichzeitig fehlen dem Markt aber neue Impulse für einen deutlich stärkeren Preisanstieg, solange keine grössere Eskalation eintritt.
Die aktuelle Preisentwicklung zeigt, dass die Marktteilnehmer inzwischen deutlich gelassener auf politische Schlagzeilen reagieren. Nach rund sechs Monaten Konflikt hat sich der Markt offenbar daran gewöhnt, neue Meldungen nicht mehr unmittelbar in grosse Preisbewegungen umzusetzen. Entscheidend sind letztlich weniger die politischen Ankündigungen als die tatsächlichen Ölströme durch die Straße von Hormus. Solange die physischen Warenströme die aggressive Rhetorik nicht bestätigen, misst der Markt den politischen Aussagen nur begrenzte Bedeutung bei. Fundamental sind die bisherigen Lieferausfälle und die damit verbundenen bullischen Faktoren weitgehend eingepreist. Die vollständigen Lieferzuteilungen Saudi Arabiens an mehrere europäische Raffinerien liefern zudem einen ersten Hinweis auf eine mögliche Entspannung der Versorgungslage. Insgesamt ergibt sich deshalb derzeit ein weitgehend neutrales fundamentales Bild, während sich bei den rechnerischen Inlandspreisen bereits Abwärtspotenzial abzeichnet. Die Ölnotierungen konsolidieren damit auf einem weiterhin hohen Niveau und warten auf neue Nachrichten, insbesondere zur tatsächlichen Umsetzung von Trumps angekündigter wirtschaftlicher Offensive gegen den Iran und zu den realen Öltransporten durch die Straße von Hormus.
Als nächsten Schritt lässt sich daraus auch eine kürzere, börsenorientierte Zusammenfassung mit Fokus auf die Auswirkungen auf Brent, WTI und die kurzfristige Preisrichtung ableiten.