Öl-Preise konsolidieren auf hohem Niveau

Der Irak bereitet sich darauf vor, einen Teil seiner Ölexporte über alternative Routen abzuwickeln und damit die Abhängigkeit von der Straße von Hormus zu verringern. Die Regierung hat dafür zunächst einen auf drei Monate begrenzten Mechanismus beschlossen, der ab dem 1. September gelten soll. Vor dem aktuellen Konflikt exportierte der Irak mehr als drei Millionen Barrel Öl pro Tag, wobei ein großer Teil über den Persischen Golf und damit durch die Straße von Hormus transportiert wurde. Als alternative Wege stehen grundsätzlich Pipelines über Jordanien, Syrien und die Türkei zur Verfügung.

Besonders wichtig ist dabei die Kirkuk-Ceyhan-Pipeline in die Türkei. Ein neuer Vertrag ermöglicht die weitere Nutzung der Leitung mit einer maximalen Kapazität von 1,5 Millionen Barrel pro Tag. Der Irak plant zunächst, mindestens 750.000 Barrel täglich über diese Route zu exportieren. Allerdings dürfte selbst dieses Ziel schwer zu erreichen sein, weil vor allem die nördlichen Ölfelder und die Region Kurdistan an das entsprechende Pipelinesystem angeschlossen sind. Die großen Ölfelder im Süden des Landes verfügen dagegen bislang nicht über eine geeignete Infrastruktur, um größere Mengen in die nördlichen Exportwege einzuspeisen. Entscheidend wird deshalb sein, wie viel Öl der Irak tatsächlich umleiten kann. Eine teilweise Verlagerung könnte den internationalen Ölmarkt zwar kurzfristig etwas entlasten, an der grundlegenden Versorgungslage dürfte sie jedoch wenig ändern. Die geplante Pipelineanbindung der südlichen Ölfelder an die nördlichen Exportwege ist noch nicht umgesetzt, sodass der Irak seine Abhängigkeit von der Straße von Hormus nicht nachhaltig reduzieren kann.

Gleichzeitig bleibt unklar, wie stark die Straße von Hormus tatsächlich genutzt wird. Während US-Präsident Donald Trump die Meerenge als vollständig geöffnet bezeichnet, hält Iran an der Darstellung fest, dass die Durchfahrt gesperrt sei. Verlässliche aktuelle Zahlen zum Schiffsverkehr fehlen, weil viele Schiffe ihre Transponder abschalten. Vorläufige Daten deuten jedoch darauf hin, dass weiterhin lediglich eine einstellige Zahl von Schiffen pro Tag die Meerenge passiert. Damit bleibt die für den weltweiten Öltransport entscheidende Route faktisch weitgehend ungenutzt. Auch China vermeidet derzeit die Durchfahrt und lässt Waren stattdessen in sichereren Seegebieten per Schiff-zu-Schiff-Transfer umschlagen.

Politisch zeichnet sich zwischen den USA und Iran weiterhin keine Lösung ab. Mohammad Mokhber, Berater des iranischen obersten Führers Modschtaba Khamenei, erklärte, Iran sei zwar grundsätzlich zu einem Dialog mit den USA bereit, verstehe darunter jedoch keine Verhandlungen über eine Kapitulation. Teheran wolle dem militärischen Druck nicht nachgeben und seine Sicherheitsinteressen weiterhin verteidigen. Trump erklärte seinerseits, dass derzeit keine neuen Verhandlungen mit Iran geplant seien. Da direkte Angriffe beider Seiten momentan ausbleiben, entsteht der Eindruck, dass beide Konfliktparteien auf Zeit spielen und abwarten, wer den nächsten Schritt macht. Für die Schifffahrt bedeutet dies, dass die derzeitige Situation rund um die Straße von Hormus wahrscheinlich auf unbestimmte Zeit bestehen bleibt.

Zusätzliche Spannungen entstehen durch einen gemeldeten Raketenangriff auf die Vereinigten Arabischen Emirate. Nach Angaben der VAE wurden zwei Raketen aus Iran abgefeuert. Die Luftabwehr wurde aktiviert, letztlich fielen die Geschosse jedoch ins Meer. Es handelte sich nach Angaben der VAE um den ersten entsprechenden Vorfall seit dem Angriff auf das Terminal in Fudschaira am 4. Mai. Der iranische Außenminister wies die Anschuldigungen zurück und bezeichnete sie als gegenstandslos.

Für den Ölmarkt bleibt die Situation damit fundamental angespannt. Eine kurzfristige Entspannung des Konflikts könnte zwar die extreme Volatilität reduzieren, doch die faktische Stilllegung der Straße von Hormus verschärft weiterhin die weltweite Versorgungslage. Die Länder der Region bemühen sich zwar darum, ihre Exportwege zu diversifizieren, können ihre Abhängigkeit von der strategisch wichtigen Meerenge aber weder kurzfristig noch vollständig langfristig beseitigen. Solange Rohöl und Kraftstoffe aus der Region nicht wieder ungehindert auf den Weltmarkt gelangen, ist deshalb keine nachhaltige Entlastung der Ölbörsen zu erwarten. ANZ Research warnt zudem, dass neue Angriffe im Nahen Osten die Gefahr anhaltender Angebotsausfälle erhöhen.

Die weitere Entwicklung der Ölpreise dürfte dabei zunehmend von der Sorge der Marktteilnehmer geprägt werden, beim physischen Handel auf der falschen Seite zu stehen. Analystin Priyanka Sachdeva von Phillip Nova erwartet deshalb, dass die nächste Preisbewegung weniger von spektakulären Schlagzeilen als von der Unsicherheit über die tatsächliche Verfügbarkeit von Öl bestimmt wird. Sollten weder konkrete Fortschritte bei einer Einigung über die Straße von Hormus noch eine weitere deutliche militärische Eskalation eintreten, könnte die Volatilität am Ölmarkt zwar etwas zurückgehen. Ein deutlicher Preisrückgang ist jedoch kaum zu erwarten, solange täglich mehrere Millionen Barrel Öl auf dem Weltmarkt fehlen. Fundamentale Marktdaten wie die US-Rohöllagerbestände treten deshalb weiterhin in den Hintergrund. Insgesamt bleibt die Einschätzung für den Ölmarkt vorerst leicht bullish, während sich bei den rechnerischen Inlandspreisen moderate Preissteigerungen gegenüber dem Vortag abzeichnen.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

Die Lienert + Ehrler AG übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit und Richtigkeit der auf dieser Seite publizierten Informationen.