Die Ölfutures starteten am Donnerstag zunächst bei einem weitgehend neutralen fundamentalen Umfeld, gerieten im Handelsverlauf jedoch deutlich unter Druck. Belastend wirkten vor allem die am Vortag veröffentlichten, überraschend hohen US-Rohölbestände sowie das Fehlen von Fortschritten zwischen den USA und dem Iran. Gleichzeitig sorgten die Drohungen Russlands gegenüber der EU und weitere geopolitische Spannungen für ein unsicheres Marktumfeld. Aus charttechnischer Sicht verstärkten zunächst unterschrittene Vortagestiefs und aufkommende Verkaufssignale im Stochastik den Abwärtsdruck. Die Marktteilnehmer preisten die bearishen US-Lagerdaten erneut ein, wobei insbesondere die Rekordhöhe der Destillat-Exporte auffiel. Zusätzlich belasteten Meldungen über erste Ölverladungen am saudischen Exportterminal Ras Tanura die Preise.
Im weiteren Handelsverlauf entwickelten sich Rohöl- und Produktkontrakte unterschiedlich. Während sich die Produktkontrakte am späten Vormittag unter anderem nach einem ukrainischen Drohnenangriff auf einen großen russischen Raffineriekomplex erholten, blieben Brent und WTI durch technische Verkaufssignale unter Druck. Bei Brent begrenzte zunächst der gleitende 21-Tage-Durchschnitt die Verluste. Meldungen über Explosionen und Brände im Hafen von Rotterdam beeinflussten den Handel dagegen kaum. Nachdem Brent den GD 21 unterschritten hatte, fiel WTI zeitweise bis in die Nähe der Marke von 80 Dollar, konnte sich von dort aber wieder erholen. Kurz vor dem europäischen Handelsschluss sorgten neue Sorgen über das saudische Ölangebot für eine kräftige Gegenbewegung. Meldungen, wonach Saudi Aramco die September-Rohölmengen für asiatische Abnehmer kurzfristig zuteilen will, stützten die Preise. Am Abend gaben die Kontrakte jedoch erneut nach und schlossen letztlich im Minus.
Zusätzliche geopolitische Risiken entstanden durch den Angriff auf zwei Tanker des staatlichen emiratischen Ölunternehmens ADNOC in der Straße von Hormus. Nach Unternehmensangaben wurde niemand verletzt und die Situation unter Kontrolle gebracht. Die Vereinigten Arabischen Emirate machten den Iran für den Vorfall verantwortlich und bezeichneten den Angriff als schweren Verstoß gegen die entsprechende UN-Sicherheitsratsresolution. Gleichzeitig forderte Abu Dhabi vom Iran ein Ende der Feindseligkeiten sowie eine vollständige und bedingungslose Öffnung der Straße von Hormus. Über die Identität der betroffenen Schiffe und ihre Ladung lagen zunächst keine Angaben vor, während Teheran die Vorwürfe der VAE noch nicht kommentiert hatte. Die Bedeutung des Vorfalls für den Ölmarkt ist dennoch erheblich, da die Straße von Hormus eine zentrale Route für die weltweiten Öllieferungen aus der Golfregion darstellt.
Auch die Aussagen führender Vertreter der USA und des Iran verschärften die Unsicherheit. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte, die amerikanische Seeblockade Irans könne bei Bedarf auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten werden. Gleichzeitig kündigte US-Finanzminister Scott Bessent weiteren massiven wirtschaftlichen Druck auf den Iran an. Aus Teheran kamen dagegen Warnungen vor einer möglichen Ausweitung der militärischen Auseinandersetzung. Mohammad Mokhber, ein Berater des iranischen Obersten Geistlichen Führers, stellte für den Fall ausbleibender Zugeständnisse eine offensivere Kriegsführung in Aussicht. Damit besteht das Risiko, dass sich die Auseinandersetzung weiter zuspitzt und insbesondere die Sicherheit des Schiffsverkehrs im Persischen Golf zusätzlich beeinträchtigt wird.
Diese geopolitischen Risiken verhindern derzeit einen stärkeren und nachhaltigen Rückgang der Ölpreise. Zwar belasteten die hohen US-Lagerbestände, die technischen Verkaufssignale und die Angriffe auf russische Raffinerien Brent und WTI, doch erwies sich insbesondere die Marke von 80 Dollar bei WTI als wichtige psychologische Unterstützung. Nach Einschätzung von Rystad Energy verhindert das geopolitische Umfeld trotz der bearishen Bestandsdaten einen stärkeren Preisverfall, da weiterhin unklar ist, welche Mengen an Öl aus der Golfregion sicher über die Straße von Hormus auf den Weltmarkt gelangen können. Eine länger andauernde US-Seeblockade könnte die Lage weiter verschärfen und den Iran zu zusätzlichen Angriffen auf US-Anlagen in den Golfstaaten bewegen. Gleichzeitig könnte sie dazu beitragen, dass die Huthi ihre Blockade gegen den Schiffsverkehr vor Saudi-Arabien verlängern.
Den geopolitischen Aufwärtsrisiken stehen inzwischen jedoch zunehmend bearishe Nachfrageprognosen gegenüber. EIA, IEA und OPEC haben ihre Einschätzungen für die Ölnachfrage 2026 in dieser Woche belastender gestaltet. Die IEA erwartet zwar im dritten Quartal weiterhin ein erhebliches Angebotsdefizit von rund 1,8 Mio. Barrel pro Tag, rechnet für das Gesamtjahr 2026 inzwischen aber mit einem Rückgang der Nachfrage um etwa 1,6 Mio. Barrel pro Tag. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen potenziell preistreibenden geopolitischen Risiken und einer schwächeren Nachfrageentwicklung. Nach Einschätzung von KCM führt dieses Kräftegleichgewicht dazu, dass der Ölmarkt zwar grundsätzlich Unterstützung erhält, gleichzeitig aber Schwierigkeiten hat, nachhaltig nach oben auszubrechen.
Zu Beginn des Freitags liegen die Ölfutures an ICE und NYMEX wieder oberhalb der Tiefs vom Donnerstag, bewegen sich jedoch weiterhin deutlich unter den dort erreichten Höchstständen. Eine klare Richtung für die rechnerischen Inlandspreise zeichnet sich derzeit ebenfalls noch nicht ab. Insgesamt bleibt der Ölmarkt damit zwischen bearishen fundamentalen und technischen Faktoren auf der einen sowie erheblichen geopolitischen Angebotsrisiken auf der anderen Seite gefangen. Solange sich an diesem Kräfteverhältnis nichts Grundlegendes ändert, ist mit einem weiterhin volatilen und richtungslosen Handelsumfeld zu rechnen.