Öl-Futures bleiben teuer und Hormus bleibt geschlossen

Die fundamentale Lage an den Ölmärkten bleibt klar bullish, da mehrere Faktoren auf eine anhaltend angespannte Versorgung hindeuten. Die verschärften Forderungen der USA gegenüber Iran lassen eine schnelle Einigung unwahrscheinlich erscheinen. Gleichzeitig belasten weitere Raffinerieausfälle, insbesondere in Libyen und Russland, das Angebot. Auch die charttechnische Situation unterstützte zunächst steigende Preise: Die bisherigen Abwärtstrends wurden nach oben durchbrochen und die Futures an ICE und NYMEX überschritten ihre Vortageshochs sowie erste Widerstandsbereiche. Zusätzlichen Auftrieb lieferten Meldungen über länger dauernde Reparaturen an einer saudischen Raffinerie, rückläufige Ölverladungen an Irans größtem Exportterminal und weitere Angriffe auf Schiffe im Nahen Osten. Dadurch bleiben Versicherungs- und Risikoprämien für den Transport hoch. Besonders angespannt präsentiert sich der Markt für Mitteldestillate: Gasoil erreichte den höchsten Stand seit Ende April und verdeutlichte damit, dass die Versorgung mit Treibstoffen derzeit deutlich problematischer ist als die reine Rohölversorgung. In Deutschland verschärfen niedrige Wasserstände infolge der anhaltenden Trockenheit die Situation zusätzlich, da der Schiffsverkehr erheblich eingeschränkt wird.

Am frühen Nachmittag kam es zunächst zu Gewinnmitnahmen, nachdem Berichte über mögliche Fortschritte bei den Verhandlungen zwischen den USA und Iran veröffentlicht worden waren. Die Marktteilnehmer bewerteten diese Meldungen jedoch skeptisch, da es bereits mehrfach Anzeichen für eine Annäherung gegeben hatte, ohne dass daraus eine nachhaltige Einigung entstanden wäre. Entsprechend erholten sich die Öl-Futures am Abend wieder. Der EIA-Monatsbericht und die API-Bestandsdaten lieferten dagegen keine entscheidenden neuen Impulse. Rohöl beendete den Handel dennoch fester, während ICE Gasoil und NYMEX Heating Oil nahe ihren Tageshochs schlossen.

Die EIA korrigierte ihre Einschätzung der Versorgungslage deutlich. Während sie den Ölverbrauch für 2026 nur geringfügig anpasste, senkte sie ihre Prognose für das Ölangebot um 1,07 Mio. Barrel pro Tag. Für 2026 erwartet sie nun ein erhebliches Angebotsdefizit von rund 1,9 Mio. Barrel pro Tag, nachdem für 2025 noch ein Überschuss von 2,1 Mio. Barrel pro Tag erwartet wird. Für 2027 prognostiziert die EIA zwar wieder eine deutliche Überversorgung, diese Einschätzung setzt jedoch voraus, dass der Konflikt zwischen den USA und Iran endet und die Öltransporte durch die Straße von Hormus wieder normal laufen. Auch die erwartete OPEC-Produktion wurde deutlich reduziert. Nach 20,35 Mio. Barrel pro Tag im Juli rechnet die EIA für August nur noch mit 18,36 Mio. Barrel pro Tag. Gleichzeitig beträgt die verbleibende Reservekapazität lediglich 0,02 Mio. Barrel pro Tag und ist damit praktisch nicht vorhanden. Die OPEC kann einen möglichen Versorgungsengpass folglich kaum ausgleichen.

Trotz der höheren Versorgungssorgen hält die EIA langfristig an deutlich niedrigeren Ölpreisen fest. Sie erwartet für Brent im dritten Quartal 2026 durchschnittlich 81,13 Dollar je Barrel und damit einen Preis unter dem aktuellen Niveau von rund 89 Dollar. Bis Ende 2027 soll der Brent-Preis schrittweise auf rund 60,97 Dollar sinken. Diese Prognose hängt allerdings entscheidend von einer baldigen Lösung der Probleme in der Straße von Hormus ab. Deshalb erscheint der Bericht aus heutiger Sicht nur eingeschränkt verlässlich. Während die Preisprognosen grundsätzlich bearish wirken, sprechen die aktuelle Versorgungslage und die unsichere geopolitische Entwicklung gegen eine allzu starke Orientierung an diesen langfristigen Annahmen. Insgesamt wird der EIA-Bericht daher als neutral bewertet, da die Marktteilnehmer derzeit stärker auf kurzfristige Entwicklungen im Nahen Osten als auf Prognoseanpassungen des US-Energieministeriums reagieren.

Die geopolitischen Risiken bleiben besonders hoch, weil sich die Angriffe auf Schiffe in der Region fortsetzen. Im Golf von Oman wurden offenbar zwei Schiffe attackiert. Ein Angriff auf ein ägyptisches Frachtschiff, der vermutlich von den Houthis im Jemen ausging, forderte vier Todesopfer. Die Houthis erhöhen damit den Druck auf den internationalen Schiffsverkehr und bekräftigen ihre Drohung, die Straße von Bab el-Mandeb zu schließen. Diese Meerenge verbindet den internationalen Seeweg zwischen dem Suezkanal, dem Roten Meer und dem Indischen Ozean. Eine Umfahrung über das südliche Afrika wäre zwar möglich, würde aber erheblich mehr Zeit beanspruchen und zusätzliche Schiffskapazitäten binden. Gleichzeitig griffen die USA einen unter panamaischer Flagge fahrenden Frachter mit zwei Hellfire-Raketen an, nachdem die Besatzung laut US-Angaben Aufforderungen zum Kurswechsel ignoriert hatte und das Schiff eine US-Blockade in Richtung eines iranischen Hafens durchbrechen wollte.

Iran bekräftigt unterdessen, dass die Straße von Hormus geschlossen bleibt, solange die USA ihre Politik nicht ändern und die iranischen Forderungen nicht akzeptieren. Damit lehnt Teheran offenbar auch eine separate Vereinbarung über die Öffnung der wichtigen Meerenge ab und verknüpft diese mit einer umfassenden Beendigung der Kampfhandlungen. Zu den iranischen Forderungen gehören unter anderem die Freigabe eingefrorener Vermögenswerte und Reparationszahlungen. Die USA verfolgen jedoch ihrerseits Forderungen nach Reparationszahlungen und dürften den iranischen Bedingungen kaum zustimmen. Die Fronten bleiben damit verhärtet. Zusätzlich fordern führende iranische Vertreter, den Konflikt bei Bedarf direkt auf US-amerikanisches Territorium auszuweiten. Sollte Iran tatsächlich einen direkten Angriff auf die USA durchführen können, würde dies das Eskalationsrisiko erheblich erhöhen und möglicherweise auch den Einsatz von Bodentruppen wahrscheinlicher machen.

Auch die jüngsten US-Bestandsdaten des API konnten die bullishe Grundstimmung nicht nachhaltig verändern. Zwar stiegen die US-Rohölbestände in der vergangenen Berichtswoche unerwartet stark um 9,1 Mio. Barrel, während Analysten im Durchschnitt mit einem Rückgang gerechnet hatten. Die Bestände in Cushing erhöhten sich um 1,6 Mio. Barrel. Gleichzeitig gingen die Destillatbestände um 0,6 Mio. Barrel und die Benzinbestände um 1,5 Mio. Barrel zurück. Die Raffinerieauslastung sank leicht um 0,2 Prozentpunkte. Insgesamt sind die API-Daten damit zwar leicht bearish zu bewerten, weil der Rohölaufbau erheblich ausfiel. Für den Markt sind die Produktbestände derzeit jedoch wichtiger, da die Versorgung mit Treibstoffen größere Probleme bereitet. Entsprechend blieb der Preiseffekt der Rohölbestandsdaten gering. Die Marktteilnehmer richten ihren Blick daher auf die detaillierteren DOE-Daten, die zusätzlich Informationen zu Nachfrage und US-Ölförderung enthalten.

Insgesamt dominiert weiterhin die geopolitische Entwicklung rund um die Straße von Hormus das Marktgeschehen. Die Marktteilnehmer schenken einzelnen bearishen Signalen wie den hohen Rohölbeständen derzeit nur wenig Beachtung, weil die Unsicherheit über die Öltransporte aus dem Nahen Osten wesentlich schwerer wiegt. Die gegenseitigen Forderungen von USA und Iran haben sich zuletzt weiter verschärft, wodurch eine kurzfristige Einigung weniger wahrscheinlich erscheint. Gleichzeitig stehen den Aussagen über eine angebliche US-Kontrolle der Straße von Hormus die anhaltenden Angriffe auf Schiffe gegenüber. Solange keine glaubwürdigen Fortschritte bei den Verhandlungen und keine sichere Wiederaufnahme der Öltransporte durch Hormus erkennbar sind, bleiben die Aufwärtsrisiken für die Ölpreise bestehen. Sollten die weltweiten Lagerbestände weiter sinken, könnte Brent nach Einschätzung von Marktbeobachtern sogar in Richtung 100 Dollar steigen.

Die fundamentale Markteinschätzung bleibt deshalb zunächst bullish. Für die Inlandspreise zeichnen sich aktuell zwar nur geringe Veränderungen gegenüber dem Vortag ab, da sich die ICE-Notierungen über Nacht auf hohem Niveau hielten. Allerdings kann der bevorstehende Frontmonatswechsel bei ICE Gasoil vorübergehend für stärkere Preisverwerfungen sorgen. Insgesamt sprechen die geopolitischen Risiken, die eingeschränkte Transportfähigkeit wichtiger Seewege, die geringe OPEC-Reservekapazität, Raffinerieausfälle und die angespannte Versorgung mit Mitteldestillaten weiterhin für ein hohes Preisniveau und ein erhebliches Aufwärtspotenzial.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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