Trump stellt Waffenruhe in Frage
Aramco-Chef malt schwarzes Bild für den Ölmarkt
Zu Beginn des gestrigen Handelstages dominierten sowohl fundamentale als auch charttechnische Kaufsignale. Die Stochastik signalisierte auf mehreren Zeitebenen steigende Kurse, und insbesondere bei Brent entstand zum Handelsstart ein Aufwärts-Gap. Dennoch zeigten sich Händler im weiteren Verlauf vorsichtig, sodass erste Gewinnmitnahmen einsetzten. Die Ölpreise bewegten sich im Tagesverlauf deshalb nur in einer vergleichsweise engen Spanne und tendierten zeitweise sogar leicht nach unten. Erst gegen Handelsende sorgten Meldungen über eine möglicherweise historisch niedrige OPEC-Produktion im April für neue Aufwärtsdynamik. Brent und WTI testeten nochmals ihre Tageshochs, konnten diese aber nicht nachhaltig überwinden und schlossen letztlich nahe ihrer Ausgangsniveaus.
Im Mittelpunkt der geopolitischen Sorgen steht weiterhin die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Transportrouten für den weltweiten Ölhandel. Der Iran fordert im Rahmen der Verhandlungen unter anderem die volle Kontrolle über diese Meerenge, die Aufhebung der Sanktionen sowie Reparationszahlungen. Gleichzeitig droht Trump erneut mit militärischen Maßnahmen, falls Teheran nicht nachgibt. Obwohl der US-Präsident offiziell weiterhin an eine diplomatische Lösung glaubt, schwindet das Vertrauen der Marktteilnehmer in einen dauerhaften Frieden zunehmend.
Besonders alarmierend sind die Warnungen führender Branchenvertreter und Analysten. Der Chef des saudischen Ölkonzerns Aramco, Amin Nasser, erklärte, dass der Weltmarkt jede Woche rund 100 Millionen Barrel Rohöl verliere, solange die Straße von Hormus blockiert bleibe. Zwar würden aktuell noch Lagerbestände genutzt, um die Versorgung aufrechtzuerhalten, diese Reserven näherten sich jedoch gefährlich niedrigen Niveaus. Zudem lägen die meisten kurzfristig verfügbaren Förderreserven ebenfalls in der Krisenregion und könnten daher kaum zur Entlastung beitragen. Laut Nasser könnte sich der Ölmarkt erst 2027 wieder vollständig stabilisieren. Ähnliche Einschätzungen kommen von Morgan Stanley und der Internationalen Energieagentur, die bereits vor strukturellen Schäden an den bisherigen Lieferwegen warnen.
Die Marktbeobachter gehen zunehmend davon aus, dass kein umfassendes Friedensabkommen mehr zustande kommen wird. Analysten von Bloomberg Economics erwarten vielmehr weitere militärische Auseinandersetzungen zwischen den USA und dem Iran, allerdings vermutlich in Form kürzerer Eskalationsphasen, gefolgt von einer dauerhaft erhöhten Konfliktintensität – einer „neuen Normalität“. Auch andere Experten sehen erhebliche Aufwärtsrisiken für den Ölpreis. So könnte ein Scheitern der Verhandlungen Brent deutlich verteuern, während ein überraschender Friedensdurchbruch die Preise spürbar senken würde.
Zusätzlich gewinnt der Konflikt auch geopolitisch an Bedeutung im Verhältnis zwischen den USA und China. Trump will das Thema bei Gesprächen mit Chinas Präsident Xi Jinping ansprechen. Parallel verschärften die USA ihre Sanktionen gegen Unternehmen, die iranisches Öl nach China exportieren, wobei China weiterhin der wichtigste Abnehmer iranischen Rohöls bleibt.
Insgesamt bleibt die fundamentale Lage am Ölmarkt trotz vergleichsweise moderater täglicher Kursbewegungen klar preisstützend. Die Marktteilnehmer scheinen sich zwar zunehmend an die Krise zu gewöhnen, rechnen aber gleichzeitig mit langfristigen Störungen der globalen Ölversorgung.