
Iran droht mit Wirtschaftsschock und verstärkt Angriffswellen
Der Iran setzt seine Drohung, den Westen an seiner wirtschaftlich schwächsten Stelle zu treffen, offenbar um und hat seine Angriffe auf Energietransporte und Ölanlagen im gesamten Nahen Osten verstärkt. Zuletzt hieß es, zwei Öltanker seien von iranischen Streitkräften vor dem Irak in Brand gesetzt worden.
Teherans geschwächtes Regime hatte zuvor deutlich gemacht, dass es einen langanhaltenden globalen Wirtschaftsschock auslösen will. Der Sprecher des iranischen Militärkommandos sagte am Mittwoch in einer an die USA gerichteten Botschaft: „Macht euch darauf gefasst, dass der Ölpreis bei 200 Dollar pro Barrel liegen wird, denn der Ölpreis hängt von der regionalen Sicherheit ab, die ihr destabilisiert habt.“
In der Nacht sollen nun mit Sprengstoff beladene Boote zwei Treibstoff-Frachter in irakischen Gewässern angegriffen, in Brand gesetzt und ein Besatzungsmitglied getötet haben, teilten Hafenbeamte sowie maritime Sicherheits- und Risikoberatungsfirmen am Donnerstag mit. Der Irak, der seine Ölproduktion schon letzte Woche dramatisch gesenkt hatte, hat daraufhin den Betrieb an seinen wichtigsten Ölterminals zunächst eingestellt.
Für Ölmarktanalyst Tony Sycamore von der IG ist dieses Aufbäumen des Iran eine „direkte und energische Reaktion des Irans auf die gestrige Ankündigung der IEA über eine massive Freigabe strategischer Reserven“. US-Präsident Trump hatte angegeben, die IEA-Entscheidung werde „die Ölpreise erheblich senken, da wir diese Bedrohung für Amerika und die Welt beenden“. Laut US-Energieminister Chris Wright werden die USA 172 Mio. Barrel aus ihren SPRs zur Verfügung stellen.
Oman evakuiert wichtigen Ölhafen
Während die Angriffe des Iran zugenommen haben, hat der Oman die Evakuierung des wichtigsten Ölhafens des Landes in Mina Al Fahal angeordnet. Schiffe wurden schon gestern vorsorglich angewiesen, den Hafen zu verlassen. Der Terminal war einer der wenigen gewesen, von wo aus zuletzt noch Öl exportiert wurde.
Die Evakuierungsanordnung für Mina Al Fahal erfolgte nach Drohnenangriffen auf andere Häfen des Landes am Mittwoch. Laut der staatlichen omanischen Nachrichtenagentur ONA, die sich auf eine Sicherheitsquelle beruft, trafen iranische Drohnen gestern beispielsweise Treibstofftanks im Hafen von Salalahan der Südküste des Omans, der daraufhin ebenfalls seinen Betrieb einstellte.
Laut dem Datenanalyseunternehmen Kpler werden in Mina Al Fahal täglich rund 1 Mio. B/T omanisches Öl exportiert. Der Verladestop bedeutet eine neue Eskalationsstufe in der Ausweitung des Krieges, denn der Hafen liegt eigentlich außerhalb des Einzugsbereiches der Straße von Hormus und hat somit direkten Zugang zum Arabischen Meer. Die Tatsache, dass auch hier die Sicherheitsrisiken stark zugenommen haben, zeigt, wie fragil die Lage in der gesamten Region inzwischen ist.
„Sollten die Störungen der omanischen Ölexporte länger anhalten, werden die Befürchtungen hinsichtlich des regionalen Angebots zunehmen“, warnt deshalb auch Warren Patterson, Leiter der Rohstoffstrategie bei der ING Groep. „Der Markt wird sich dann nicht mehr nur um die Öllieferungen durch die Straße von Hormus sorgen müssen.“
Marktlage
Der Iran hat seit gestern seine Angriffe auf Öl und Transporteinrichtungen im Nahen Osten ausgeweitet und damit für einen neuerlichen Preissprung an den Börsen gesorgt. Trotz der gestern beschlossenen Rekord-Freigabe aus den SPRs fürchtet man am Markt eine Ausweitung des Krieges und eine lang anhaltende Unterbrechung der Ölströme.
Im Lichte der sich verschlechternden Sicherheitslage hat der Oman inzwischen die Evakuierung seines wichtigsten Ölhafens angeordnet, einem der wenigen in der Region, von wo aus zuletzt noch Mengen verladen wurden. Die Maßnahme macht die weitreichenden Auswirkungen der Eskalation in der Region deutlich. Anzeichen für eine Entspannung im Golf gebe es derzeit nicht, erklärten Analysten der ING am Donnerstag. Daher sei auch kein Ende der Störungen im Öltransport durch die Straße von Hormus absehbar.
„Der einzige Faktor, der die Ölpreise wirklich wieder nach unten bringen könnte, wäre eine Wiederöffnung der Straße von Hormus“, kommentiert auch Neil Beveridge, Forschungsdirektor bei Sanford C. Bernstein & Co. Die Freigabe strategischer Reserven stehe „in keinem Verhältnis zu den rund 20 Mio. B/T“, die durch die Blockade der Passage ausfallen könnten, fügte er hinzu.
Die Internationale Energieagentur (IEA), die die strategischen Notvorräte für insgesamt 32 Mitgliedsländer verwaltet, hatte sich gestern darauf verständigt, bis zu 400 Mio. Barrel Öl aus den SPRs auf den Markt zu bringen. Den größten Anteil daran werden die USA mit 172 Mio. B/T liefern. Der weltweite Verbrauchliegt bei etwas mehr als 100 Mio. B/T; die Ausfälle im Nahen Osten belaufen sich aktuell auf etwa 6 Mio. B/T. Mit anhaltender Sperrung der Straße von Hormus dürfte diese Menge allerdings weiter steigen.
„Genau davor hatte ich bei der Freigabe der IEA gewarnt – sie wird völlig ignoriert, und jetzt liegen die Preise noch höher“, ärgert sich Darrell Fletcher, Managing Director für Rohstoffe bei Bannockburn Capital Markets. „Möglicherweise hat sie das falsche Signal gesendet. Wissen sie etwas, was wir nicht wissen?“
Auch Tina Teng, Marktstrategin bei ANZ, sieht die Maßnahme nur als vorübergehende Entlastung. Die Freigabe der Reserven könne lediglich kurzfristig helfen, da Störungen bei Öllieferungen durch die Straße von Hormus sowie größere Produktionsausfälle in einigen Ländern des Nahen Ostens langfristig zu einem Angebotsengpass führen könnten.
Bei der ING verweist man zudem auf die Unsicherheiten darüber, wie schnell das freigegebene Öl tatsächlich auf den Markt gelangen kann – und ob die Menge ausreichen wird, um die Nachfrage zu decken, bis wieder Öl durch die Straße von Hormus transportiert wird.
Solange die Anleger an den Ölmärkten die SPR-Freigabe ignorieren, bleibt die fundamentale Einschätzung der Marktlage bullish. Daran wird wohl auch der heute noch erwartete IEA-Monatsbericht nichts ändern, der aller Wahrscheinlichkeit nach etwas bullisher ausfallen dürfte als in den Vormonaten. Am Markt waren aber auch schon die Berichte von EIA und OPEC mehr oder weniger ignoriert worden.
Bei den Inlandspreisen ergeben sich aufgrund des neuerlichen Preisanstieges heute wieder klare Aufschläge im Vergleich zu gestern. Allerdings ist aufgrund der hohen Marktunsicherheiten aktuell immer auch mit erhöhter Volatilität zurechnen.