Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten und die damit verbundenen Risiken für das weltweite Ölangebot haben sich zuletzt weiter verschärft. Im Konflikt zwischen den USA und dem Iran stellt US-Präsident Donald Trump neue Bedingungen für mögliche weitere Verhandlungen. Nachdem der Iran die Öffnung der Straße von Hormus von bestimmten Forderungen abhängig gemacht hatte, darunter Entschädigungszahlungen der USA für Kriegsschäden, verlangt nun auch Trump finanzielle Entschädigungen von Teheran. Er fordert, dass der Iran die Familien von Demonstranten entschädigt, die das iranische Regime in den vergangenen 50 Jahren getötet haben soll. Darüber hinaus verlangt Trump Zahlungen für Menschen, die bei zahlreichen Konflikten, für die er das iranische Regime verantwortlich macht, getötet oder verletzt wurden. Auch die Familien der Opfer des Anschlags auf den US-Zerstörer USS Cole im Jahr 2000 sollen nach seinen Vorstellungen Entschädigungen erhalten. Trump kündigte an, seine Vertreter sollten diese Forderungen bei allen zukünftigen Verhandlungen mit dem Iran nachdrücklich vorbringen. Kurz darauf weitete er seine Forderungen aus und machte Teheran zusätzlich für Schäden und Todesopfer im Libanon, in Syrien und im Gazastreifen verantwortlich. Gleichzeitig erklärte Trump, der Iran trage die Verantwortung für den aktuellen Konflikt, da die USA den Krieg begonnen hätten, um den Bau einer iranischen Atomwaffe zu verhindern. Damit erschweren die neuen Forderungen eine mögliche Annäherung zwischen Washington und Teheran erheblich. Die iranische Führung dürfte Trumps Vorwürfe und Forderungen als Provokation auffassen und kaum bereit sein, die verlangten Entschädigungen zu akzeptieren. Selbst wenn beide Seiten ihre Gespräche über Vermittler und hinter verschlossenen Türen fortsetzen, bleibt deshalb fraglich, wie die amerikanischen Unterhändler eine Einigung über die von Trump geforderten Zahlungen erreichen könnten.
Auch in Libyen nehmen die Risiken für die Ölversorgung zu. Nachdem Demonstranten bereits Ende Juli den Förderbetrieb am Ölfeld El-Feel vorübergehend beeinträchtigt hatten, meldete die staatliche National Oil Corporation nun mehrere Drohnenangriffe auf die Raffinerie in Zawiya. Insgesamt sollen dort innerhalb weniger Tage vier Angriffe stattgefunden haben. Beim jüngsten Angriff zerstörte eine Drohne nach Angaben des NOC-Chefs Masoud Suleman einen Lagertank mit rund 4,5 Millionen Litern Kraftstoff. Die Einsatzkräfte versuchten anschließend, den Brand unter Kontrolle zu bringen und ein Übergreifen der Flammen auf weitere Tanks zu verhindern. Eine weitere Drohne nahm laut NOC ein mit der Raffinerie verbundenes Ölmisch- und Abfüllwerk ins Visier. Wegen der durch den Brand entstandenen Gefahren für weitere Ölanlagen rief die Ölgesellschaft in der Region den Notstand aus. Der Vorfall verursacht nicht nur erhebliche finanzielle Schäden, sondern könnte auch die Versorgung Libyens mit Treibstoff beeinträchtigen. Die Angriffe treffen dabei auf eine weiterhin instabile politische Lage. In Libyen konkurrieren die international anerkannte Regierung der Nationalen Einheit unter Ministerpräsident Abdul Hamid Dbeibah in Tripolis und die vom Repräsentantenhaus eingesetzte Regierung unter Osama Hammad in Bengasi um die politische Kontrolle. Während die Regierung in Tripolis den Westen des Landes kontrolliert, beherrscht die Gegenregierung den Osten und weite Teile des Südens. Nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis im Jahr 2011 beeinträchtigte der anschließende Bürgerkrieg die libysche Ölindustrie über Jahre. Erst später stabilisierten sich die politische Lage und die Ölproduktion wieder teilweise. Die jüngsten Angriffe zeigen jedoch, dass die Ölversorgung weiterhin erheblichen politischen und militärischen Risiken ausgesetzt bleibt.
An den Ölbörsen reagieren die Marktteilnehmer inzwischen wieder mit einer höheren geopolitischen Risikoprämie. Die Hoffnung auf eine schnelle Normalisierung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus hat deutlich abgenommen, nachdem zunächst der Iran Bedingungen für die Öffnung der wichtigen Meerenge gestellt und anschließend auch Trump neue Forderungen für weitere Gespräche formuliert hat. Eine baldige Einigung zwischen den USA und dem Iran erscheint dadurch weniger wahrscheinlich. Zusätzlich verschärft der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und der Huthi-Miliz die Lage. Die Huthi griffen am Wochenende erneut saudische Ölanlagen an, wodurch neben der Straße von Hormus auch die wichtige Meerenge Bab al-Mandeb als potenzieller Engpass für den Öltransport gefährdet bleibt. Tim Waterer, Chefmarktanalyst bei KCM Trade, stuft das Risiko einer Blockade beider Seewege weiterhin als sehr hoch ein. Bereits vorübergehende Einschränkungen oder die Gefahr weiterer Angriffe erhöhen die Versicherungskosten für Transporte und zwingen Reedereien zu längeren Routen. Dadurch können die Energieflüsse kurzfristig eingeschränkt bleiben.
Neben den möglichen und bereits eingetretenen Angebotsausfällen infolge der Konflikte im Nahen Osten und des Ukraine-Krieges rückt damit auch Libyen wieder stärker in den Fokus des Ölmarktes. Die Angriffe auf die Raffinerie von Zawiya könnten die libysche Treibstoffversorgung beeinträchtigen. Noch ist allerdings unklar, wer für die Drohnenangriffe verantwortlich ist. Sollte sich aus der angespannten politischen Situation erneut ein größerer Konflikt zwischen den rivalisierenden Regierungen in West- und Ostlibyen entwickeln, könnte dies die libysche Ölproduktion und damit das weltweite Ölangebot erheblich belasten. Für zusätzliche Orientierung hinsichtlich der weiteren Marktentwicklung sorgen die anstehenden Monatsberichte der internationalen Energiebehörden. Die US-Energieinformationsbehörde EIA veröffentlicht ihren Bericht am Dienstagabend, während die Internationale Energieagentur (IEA) und die OPEC ihre Berichte am Mittwoch vorlegen. An den Ölbörsen bewegten sich die Kontrakte am Dienstagmorgen zunächst weiterhin in der Nähe der Vortageshochs. Nach der kräftigen Preisrally des Vortages deuteten sich deshalb auch bei den Inlandspreisen zunächst weitere Preisaufschläge an. Insgesamt bleibt der Ölmarkt damit von einer erhöhten geopolitischen Unsicherheit, möglichen Unterbrechungen wichtiger Transportwege und zusätzlichen Risiken für die Förderung und Verarbeitung in mehreren wichtigen Förderregionen geprägt.