IEA erwägt SPR Rekord-Freigaben - Ölpreise geben leicht nach

IEA prüft Rekord-Freigabe aus strategischen Ölreserven
Die International Energy Agency (IEA) erwägt laut einem Bericht des Wall Street Journal die größte Freigabe strategischer Ölreserven in ihrer Geschichte. Demnach könnte die geplante Freigabe sogar die 182 Mio. Barrel übertreffen, die im Jahr 2022 nach Beginn der russischen Invasion in der Ukraine auf den Markt gebracht wurden. Wie hoch sie genau ausfallen soll, ist noch nicht bekannt.

Offenbar will die IEA schon heute über einen entsprechenden Vorschlag entscheiden. Der Plan könnte angenommen werden, sofern keines der 32 Mitgliedsländer Einspruch erhebt. Bereits der Widerstand eines einzelnen Staates könnte die Maßnahme jedoch verzögern. Die Energieminister der G7 hatten sich am Dienstag noch nicht auf eine Freigabe aus den SPRs festlegen wollen und stattdessen die IEA gebeten, zunächst eine Bewertung der Lage vorzunehmen.

„Zwar steht derzeit kein Land vor einer physischen Rohölknappheit, doch die Preise steigen deutlich, und die Situation einfach laufen zu lassen, ist keine Option“, hieß es von einer mit den Beratungen vertrauten G7-Quelle. Grundsätzlich unterstützten die G7-Staaten eine koordinierte Freigabe von Ölreserven durch die IEA, so die Quelle. Eine tatsächliche Freigabe könne jedoch nicht sofort beginnen. Fragen zum Gesamtvolumen, zur Aufteilung auf einzelne Länder und zum Zeitpunkt müssten noch geklärt werden.

Marktlage
Die hohe Volatilität an den Ölbörsen setzt sich auch zur Wochenmitte fort, nachdem die Preise am Montag zeitweise über 100 Dollar gestiegen waren. Nach wie vor bleibt der Iran-Krieg das entscheide Thema am Markt, wobei der Fokus heute auf Meldungen zu einer möglichen Rekord-Freigabe aus den Strategischen Ölreserven liegt.

Die faktische Blockade der Straße von Hormus durch den Iran, durch die normalerweise rund ein Fünftel der weltweiten Öltransporte abgewickelt wird, hat dazu geführt, dass große Golf-Produzenten wie Irak oder Saudi-Arabien ihre Förderung zurückfahren mussten. Gleichzeitig sind die Preise für Rohöl, Erdgas und Ölprodukte wie Benzin und Diesel massiv gestiegen.

Eine mögliche Freigabe von IEA-Reserven sei deshalb „sowohl ein Druckventil als auch ein Warnsignal“, kommentiert Charu Chanana, Chef-Investmentstrategin bei Saxo Markets. „Sie kann vorübergehend zusätzliches Angebot schaffen und Panik begrenzen, signalisiert dem Markt aber zugleich, dass das Risiko einer Unterbrechung ernst genug für Notfallmaßnahmen ist.“

Zuletzt waren es auch Kommentare aus Washington gewesen, die für eine Entspannung der Preisrally gesorgt hatten, obwohl die Aussagen von Donald Trump und seiner Regierung zum Krieg und zur Lage der Schifffahrt in der Straße von Hormus gewohnt widersprüchlich ausfielen. Energieminister Chris Wright veröffentlichte eine Mitteilung (und löschte sie kurz danach wieder), wonach die US-Marine einen Öltanker durch die Meerenge eskortiert habe. Das Weiße Haus räumte anschließend ein, dass ein solcher Einsatz nicht stattgefunden habe.

Zudem sorgten widersprüchliche Beiträge von Präsident Donald Trump in sozialen Medien über mögliche Minen in der Meerenge für weitere Verunsicherung. Trump steht wegen des Krieges unter wachsendem wirtschaftlichen und politischen Druck. Zwar erklärte er am späten Montag, der Konflikt werde bald enden. US-Vertreter signalisierten jedoch am Dienstag, dass militärische Operationen ausgeweitet werden und diplomatische Gespräche kaum in Sicht seien.

„Es fühlt sich stark nach einem Markt an, der im Kriegsnebel stochert und in Echtzeit auf neue Entwicklungen reagiert“, meint Rebecca Babin, leitende Energieanalystin bei CIBC Private Wealth Group. „Die Händler sind weiterhin den starken Preisschwankungen und der extremen Volatilität des Rohölpreises ausgesetzt, wobei jede Schlagzeile zu heftigem Auf und Ab innerhalb eines Handelstages führen kann“.

Klar bullishe Signale kommen unterdessen vom EIA-Monatsreport, der gestern die Preisprognosen für Brent und WTI deutlich nach oben setzte und damit die Auswirkungen des Iran-Krieges berücksichtigt. Auch die Prognosen zur Ölproduktion im laufenden Jahr hat die EIA deshalb um -0,81 Mio. B/T nach unten korrigiert. Die globale Überversorgung, die im letzten Monatsbericht noch auf über 3 Mio. B/T geschätzt wurde, liegt nun nur noch bei +1,87 Mio. B/T.

Ähnlich bullish fällt auch der API-Bestandsbericht aus, der Abbauten in allen Kategorien meldete. Später am Tag werden noch die offiziellen DOE-Bestandsdaten erwartet. Sollten sie ebenfalls Signale für eine Angebotsknappheit senden, könnten die Ölpreise möglicherweise noch einmal steigen. Allerdings überlagern die Meldungen zum Iran-Krieg und seinen Auswirkungen aktuell fast alles, sodass abzuwarten bleibt, wie viel Durchschlagskraft die US-Bestandsdaten haben werden.

Ähnlich dürfte es für den OPEC-Monatsbericht aussehen, der heute Nachmittag fällig ist. Auch er wird wohl schon die Auswirkungen des Iran-Krieges einpreisen und entsprechende Anpassungen zu den Vormonatsberichten enthalten. Da die OPEC aber ohnehin in ihrer Haltung deutlich bullisher ausfällt als EIA und IEA, bleibt abzuwarten, wie stark diese Anpassungen tatsächlich sind.

Insgesamt bleibt die fundamentale Lage ohne Aussicht auf ein Kriegsende leicht bullish, wobei die steigende Wahrscheinlichkeit von Freigaben aus den strategischen Reserven die Gefahr eines Angebotsschocks etwas in Schach hält. Bei den Inlandspreisen zeichnen sich heute im Vergleich zu Dienstag früh leichte Abschläge ab, insgesamt muss aber auch hier weiterhin mit erhöhter Volatilität gerechnet werden.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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