Die Lage am Ölmarkt bleibt maßgeblich von den geopolitischen Spannungen im Nahen Osten geprägt. Im Mittelpunkt steht weiterhin die Straße von Hormus, deren Öffnung für den internationalen Schiffsverkehr zuletzt wieder in weite Ferne gerückt ist. Iran hat inzwischen sechs konkrete Bedingungen formuliert, die aus seiner Sicht erfüllt sein müssen, bevor das Land die wichtige Meerenge wieder freigibt. Teheran fordert ein Ende der US-Drohungen und Militäraktionen, ein endgültiges Ende des Krieges, den Abzug der amerikanischen Marine- und Luftstreitkräfte aus iranischem Hoheitsgebiet, Entschädigungen für entstandene Kriegsschäden, die Aufhebung der gegen Iran verhängten Sanktionen sowie die Freigabe eingefrorener iranischer Vermögenswerte. Solange die USA diese Forderungen nicht erfüllen, will Iran die Straße von Hormus nicht für den internationalen Schiffsverkehr öffnen.
Damit haben sich die Hoffnungen auf eine schnelle Normalisierung des Schiffsverkehrs zunächst zerschlagen. Mitte der vergangenen Woche hatte der iranische Außenministeriumssprecher Esmail Baghaei noch Anlass zu Optimismus gegeben. Er hatte erklärt, Iran und Oman hätten sich auf eine Vereinbarung zur Regelung des Schiffsverkehrs verständigt. Bereits kurz darauf stellte sich jedoch heraus, dass diese Vereinbarung nicht automatisch eine sofortige Öffnung der Straße von Hormus bedeutet. Gleichzeitig deutete US-Präsident Donald Trump an, dass die USA gegenüber Iran zunächst stärker auf wirtschaftlichen Druck als auf eine neue groß angelegte Militäroperation setzen könnten. Trump erklärte, Washington gehe derzeit eher zurückhaltend vor, verhandele nur eingeschränkt mit Teheran und beobachte die wirtschaftlich angespannte Lage im Iran. Trotz dieser Signale hat sich die Situation an der Straße von Hormus bislang nicht entspannt. Das US-Zentralkommando CENTCOM meldete zudem, dass die amerikanischen Streitkräfte im Rahmen der Seeblockade Irans bis einschließlich Sonntag insgesamt 55 Handelsschiffe umgeleitet, zwei Schiffe manövrierunfähig gemacht und zwei weitere Schiffe geentert haben, um die Einhaltung der Blockade sicherzustellen.
Zusätzliche Risiken für den Ölmarkt entstehen durch die Aktivitäten der Huthi-Miliz im Jemen. Die vom Iran unterstützte Miliz griff am Wochenende erneut die Raffinerie im saudischen Dschaizan an. Nach Angaben der Huthi-Miliz zielte der Angriff auf die Anlage im Südwesten Saudi-Arabiens. Das saudische Energieministerium bestätigte einen Brand, der jedoch gelöscht werden konnte. Nach Angaben einer mit dem Vorfall vertrauten Person wurde dabei ein Rohöllagertank beschädigt. Die Raffinerie verfügt über eine Verarbeitungskapazität von rund 400.000 Barrel pro Tag und war bereits im Juli Ziel eines Huthi-Angriffs geworden. Damit bleibt neben der Situation rund um die Straße von Hormus auch die Sicherheit der saudischen Ölinfrastruktur ein wichtiger Unsicherheitsfaktor für die internationalen Rohölmärkte.
Diese geopolitischen Entwicklungen sorgten zum Start der neuen Handelswoche für steigende Rohölpreise an den Börsen ICE und NYMEX. Der Markt hatte zunächst auf eine baldige Öffnung der Straße von Hormus und damit auf eine Normalisierung der internationalen Lieferströme gehofft. Die inzwischen bekannt gewordenen Forderungen Irans haben diese Erwartungen jedoch deutlich gedämpft. Gleichzeitig konnte auch Trumps Aussage, zunächst wirtschaftlichen Druck statt einer weiteren großen Militäraktion einsetzen zu wollen, bislang keine nachhaltige Abwärtsbewegung bei den Ölpreisen auslösen. Entscheidend bleibt aus Sicht der Marktteilnehmer, dass die tatsächlichen Lieferströme weiterhin nicht vollständig normalisiert sind. Solange eine Unterbrechung oder Verschärfung der Versorgungslage möglich bleibt, preist der Markt weiterhin ein geopolitisches Risiko ein, das die Rohölpreise stützt.
Auch die wiederholten Angriffe der Huthi-Miliz erhöhen dieses Risiko. Zwar erklärte Saudi Aramco zuletzt, dass die bisherigen Angriffe der Huthi sowie anderer vom Iran unterstützter Milizen die Ölproduktion des Unternehmens noch nicht wesentlich beeinträchtigt hätten. Dennoch stellt sich zunehmend die Frage, wie lange die saudische Infrastruktur weiteren Angriffen standhalten kann und ob die saudische Regierung als Reaktion darauf umfangreichere militärische Maßnahmen gegen die Huthi ergreifen könnte. Eine solche Eskalation würde die geopolitischen Risiken für den Ölmarkt weiter erhöhen.
Daneben zeichnet sich im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg eine mögliche Entspannung für bestimmte Öltransporte im Schwarzen Meer ab. Nach Angaben eines US-Regierungsvertreters hat sich die Ukraine offenbar bereit erklärt, Ölinfrastruktur und Tanker im Schwarzen Meer, die keinen Bezug zu Russland haben, künftig nicht anzugreifen. Davon könnte insbesondere Kasachstan profitieren. Das Land musste zuletzt wegen Angriffen auf den Ölexportterminal des Caspian Pipeline Consortium im Schwarzen Meer Einschränkungen bei seinen Rohölexporten hinnehmen. Über diesen Terminal gelangt kasachisches Rohöl, das unter anderem von den Ölfeldern des Landes stammt und über die Tengis-Noworossijsk-Pipeline transportiert wird, auf den internationalen Markt.
Neben den geopolitischen Faktoren beeinflussten zuletzt auch die Erwartungen an die Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve die Ölpreise. Die am Freitag veröffentlichten US-Arbeitsmarktdaten für Juli zeigten einen überraschenden Rückgang bei der Beschäftigung. Dadurch gingen die Erwartungen an eine mögliche Zinserhöhung im September zurück. Für den Ölmarkt wirkt eine geringere Wahrscheinlichkeit steigender US-Zinsen grundsätzlich unterstützend, weil höhere Zinsen die wirtschaftliche Aktivität und damit auch die Nachfrage nach Rohöl bremsen könnten.
Insgesamt starteten die Ölfutures deshalb fester in die neue Handelswoche. Brent konnte die Marke von 85 US-Dollar je Barrel bislang allerdings noch nicht überschreiten. Für die Inlandspreise zeichnet sich gegenüber dem vergangenen Freitag derzeit weiteres Aufwärtspotenzial ab. Entscheidend für die weitere Preisentwicklung bleibt vor allem, ob sich die Situation rund um die Straße von Hormus tatsächlich entspannt und die internationalen Lieferströme wieder normalisieren. Solange Iran seine Forderungen aufrechterhält, die USA ihre Blockade fortsetzen und gleichzeitig weitere Angriffe auf die regionale Öl-Infrastruktur drohen, bleibt das geopolitische Risiko hoch und dürfte den Ölpreis weiterhin stützen.