Die OPEC+ dürfte ihre aktuelle Förderpolitik bei ihrem nächsten Treffen am Sonntag zunächst unverändert fortführen. Damit endet vorerst die schrittweise Rücknahme der freiwilligen Förderkürzungen, an der sich insbesondere Saudi-Arabien, Russland, Irak, Kuwait, Algerien, Kasachstan und Oman beteiligt hatten. Mit der für September vorgesehenen Erhöhung um 188.000 Barrel pro Tag wurde die ursprünglich vereinbarte zusätzliche Kürzung von insgesamt 1,65 Millionen Barrel pro Tag vollständig zurückgeführt. Für Oktober erwarten Marktbeobachter deshalb keine weitere Anpassung der bestehenden Förderquoten.
Statt kurzfristiger Änderungen richtet sich der Fokus der OPEC+ nun zunehmend auf die Förderpolitik für 2027. Dabei zeichnet sich erhebliches Konfliktpotenzial ab. Für die meisten Mitglieder gelten offiziell noch bis Ende 2026 Förderbeschränkungen. Angesichts der anhaltenden Krise im Persischen Golf erscheint eine Verlängerung dieser Vorgaben jedoch zunehmend unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass mehrere Länder ihre derzeit zulässigen Fördermengen in den vergangenen Monaten ohnehin nicht vollständig ausschöpfen konnten.
Vor allem Förderländer wie der Irak dürften deshalb darauf drängen, künftig wieder größere Spielräume bei der Ölproduktion zu erhalten. Sie wollen ihre Kapazitäten möglichst flexibel nutzen und die Förderung erhöhen können, sobald es die Marktbedingungen erlauben. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben bereits gezeigt, wie weit die Interessen einzelner Mitglieder auseinandergehen können: Nach Unzufriedenheit mit der bisherigen Quotenberechnung verließen sie im Frühjahr die OPEC und arbeiten seither intensiv daran, ihre Förder- und Exportkapazitäten auszubauen.
Damit steht die OPEC+ vor einer strategischen Herausforderung. Das Bündnis verliert zunehmend an Einfluss auf den globalen Ölmarkt, und die Zeiten, in denen sich Angebot und Preise durch gemeinsame Förderkürzungen oder -erhöhungen weitgehend steuern ließen, werden schwieriger. Der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate könnte dabei ein Signal für weitere Spannungen innerhalb des Bündnisses sein. Zuletzt wurde auch über einen möglichen Austritt Venezuelas spekuliert. Die OPEC+ muss daher nicht nur ihre Förderpolitik neu ausrichten, sondern auch ihren Zusammenhalt und ihre Bedeutung für den internationalen Ölmarkt sichern.
Am Ölmarkt hat die jüngste Preisrally an ICE und NYMEX zunächst etwas an Dynamik verloren. Die Preise stabilisieren sich derzeit auf einem weiterhin hohen Niveau. Für eine nachhaltige Entspannung fehlt jedoch ein entscheidender Faktor: eine Lösung der Krise am Persischen Golf ist weiterhin nicht absehbar. Zwar erklärte US-Präsident Donald Trump erneut, die jüngsten Angriffe auf Iran dürften nicht allzu lange andauern. Gleichzeitig stellte er klar, dass die USA zu weiteren militärischen Aktionen bereit seien. Damit bleibt das Risiko einer erneuten Eskalation bestehen.
Nach Einschätzung von IG-Analyst Tony Sycamore zeichnet sich aktuell zumindest eine kurzfristige Beruhigung ab. Seit Mittwochmittag habe es keinen bestätigten weiteren Schusswechsel gegeben. Sollte diese Entspannung anhalten, könnte sich auch der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus wieder normalisieren. Gerade die sogenannten Dark Ships und Ship-to-ship-Transfers spielen dabei eine wichtige Rolle, da über diese Wege weiterhin erhebliche Ölmengen aus der Region transportiert werden.
Die zuletzt verfügbaren Daten zeigen, dass der Öltransport durch die strategisch wichtige Meerenge trotz der militärischen Eskalation weiterhin robust ist. Nach Angaben des US-Energieministers Chris Wright passierten allein am Montag rund 17 Millionen Barrel Öl die Straße von Hormus – mehr als doppelt so viel wie der durchschnittliche Tageswert von rund 8 Millionen Barrel. Zudem soll das US-Militär am Dienstag 40 Schiffe durch die Meerenge eskortiert haben, die zusammen rund 18 Millionen Barrel Öl transportierten.
Für den weiteren Preisverlauf bleibt damit entscheidend, wie sich der Konflikt zwischen den USA und Iran entwickelt. Einige Marktbeobachter halten eine Rückkehr an den Verhandlungstisch weiterhin für möglich. Sollte es tatsächlich zu neuen Friedensgesprächen kommen, könnte der dadurch erwartete Rückgang des geopolitischen Risikos die Ölpreise relativ schnell unter Druck setzen. Bislang zeigen jedoch weder die USA noch Iran eine klare Bereitschaft zu ernsthaften neuen Verhandlungen. Ein bereits im Juni vereinbartes vorläufiges Friedensabkommen war kurze Zeit später gescheitert.
Die Folgen der anhaltenden Unsicherheit sind am Ölmarkt deutlich sichtbar: Die Rohölpreise liegen inzwischen fast 60 Prozent über dem Niveau vor Beginn des Krieges. Raffinerieprodukte wie Diesel haben sich aufgrund der zusätzlichen Belastungen durch den Konflikt im Nahen Osten sowie den weiterhin andauernden Krieg zwischen Russland und der Ukraine sogar noch stärker verteuert.
Unsere fundamentale Einschätzung bleibt deshalb weiterhin bullish. Zwar hat sich die Dynamik der jüngsten Preisrally abgeschwächt, doch die geopolitischen Risiken und die Unsicherheit über die zukünftige Versorgungslage stützen den Markt. Gleichzeitig eröffnet die aktuell erkennbare leichte Abwärtsbewegung an den internationalen Ölbörsen ein begrenztes Abwärtspotenzial für die Inlandspreise. Ob sich dieses Potenzial im weiteren Tagesverlauf tatsächlich durchsetzt, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung an den Ölbörsen und den Nachrichten aus dem Persischen Golf ab.