Israel und USA greifen den Iran an
Am Samstagmorgen teilte das israelische Verteidigungsministerium mit, einen Präventivschlag gegen den Iran ausgeführt zu haben. Wenig später wendete sich auch Donald Trump an die Weltöffentlichkeit und gab an, einen Kampfeinsatz im Iran begonnen zu haben. Seitdem ist die Lage weiter eskaliert.
Der Iran führte Gegenschläge in der gesamten Golfregion durch, darunter auch im Oman, der am Donnerstag noch bei den Atomgesprächen vermittelt hatte. Bei den anhaltenden Angriffen auf Ziele im Iran wurde am Samstag auch der oberste Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, getötet. Dies bestätigte Teheran am Sonntag. Inzwischen hat der Iran auch die Durchfahrt durch die Straße von Hormus praktisch blockiert und in der wichtigen Wasserstraße mehrere Öltanker angegriffen.
Die Ölpreise sind in Folge dieser Entwicklungen massiv in die Höhe geschossen, so dass die Ölbörsen im frühen Montagshandel mit neuen Mehrjahreshochs starteten.
Durchfahrt durch Straße von Hormus gestoppt
Die schlimmsten Befürchtungen der Marktteilnehmer sind am Wochenende wahrgeworden, denn nicht nur haben die USA und Israel den Iran angegriffen, auch hat Teheran inzwischen offenbar sein wirksamstes Druckmittel – eine Blockadeder Straße von Hormus – eingesetzt.
Offiziell sei die Durchfahrt der Wasserstraße nicht blockiert, hieß es von iranischer Seite, allerdings haben die Streitkräfte des Iran seit gestern mehrere Öltanker angegriffen, die versuchten, die Passage zu durchqueren. Die britische Behörde für maritime Sicherheit (UKMTO) meldete gestern zwei Tankerbeschüsse, andere Quellen sprechen sogar von drei oder mehr Angriffen. Durch die Straße von Hormus wird üblicherweise täglich etwa ein Fünftel des globalen Ölbedarfs transportiert.
Auf beiden Seiten der Handelsstraße stauen sich nun die Schiffe. Mindestens 200 Tanker, die mit Rohöl, Gas- und Ölprodukten beladen sind, können oder wollen aktuell nicht passieren und wurden von ihren Betreibern und Reedereien angewiesen, sichere Häfen anzulaufen. Die Schweizer Reederei MSC teilte mit, bis auf Weiteres sämtliche Buchungen in der Region auszusetzen. Auch der dänische Reederei-Konzern Maersk will die Straße von Hormus vorerst nicht mehr nutzen.
Eine längerfristige Sperrung der wichtigen Wasserstraße hat weitreichende Folgen für die globale Ölversorgung. So sind die meisten OPEC- Produzenten im Nahen Osten zumindest in Teilen auf die Straße von Hormus angewiesen, um ihr Öl auf dem Weltmarkt anbieten zu können. Bei Wood Mackenzie heißt es: „Die Störung verursacht einen doppelten Angebotsschock: Nicht nur werden die derzeitigen Exporte durch die Meerenge unterbrochen, sondern auch die zusätzlichen Mengen der OPEC+ und letztlich der größte Teil der Reservekapazitäten der OPEC […] sind nicht verfügbar, solange die Wasserstraße gesperrt bleibt“.
OPEC+ beschließt Förderanhebung um 206.000 B/T ab April
Das Meeting der acht OPEC+ Staaten, die seit letztem Jahr ihre freiwilligen Förderkürzungen abbauen, fand angesichts der jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten am Sonntag kaum Beachtung – zumal die Gruppe eine vergleichsweise moderate Produktionsanhebung beschlossen hat, die zudem auch erst im April greifen soll.
Mit 206.000 B/T ist die zusätzliche Menge zwar größer als die erwarteten 137.000 B/T, ein Gegengewicht zu den möglichen Ausfällen durch die Eskalation am Persischen Golf stellt sie allerdings kaum dar. Marktbeobachter weisen darauf hin, dass die Gruppe derzeit nur über begrenzte freie Kapazitäten verfügt. Ausnahmen bilden vor allem Saudi-Arabien und die VAE; doch auch diese Länder dürften Schwierigkeiten haben, zusätzliche Mengen auf den Weltmarkt zubringen, solange die Straße von Hormus gesperrt bleibt.
Marktlage
Die Ölpreise sind am Montag gleich zum Handelsstart auf neue Mehrmonatshochs geschnellt, bevor sie einen Teil ihrer Gewinne wieder abgaben. Brent handelte dabei so hoch wie seit über einem Jahr nicht mehr, WTI markierte sogar ein 1,5-Jahreshoch. Hintergrund ist die Eskalation im Nahen Osten, wo Israel und die USA am Wochenende den Iran angegriffen haben. An den Ölmärkten wächst die Sorge vor anhaltenden Preisschwankungen infolge fortdauernder Lieferunterbrechungen.
Der Iran fördert rund 3,3 Mio. B/T und steht damit für etwa 3% der weltweiten Produktion. Aufgrund seiner strategischen Lage an der Straße von Hormus kommt dem Land jedoch eine deutlich größere Bedeutung für die globalen Energiemärkte zu. Ein Großteil der Öllieferungen aus dem Persischen Golf muss die Meerenge passieren, um wichtige Absatzmärkte wie China, Indien und Japan zu erreichen. Am Wochenende kam der Tankerverkehr dort nahezu zum Erliegen, nachdem Teheran mehrere Tanker angegriffen hatte.
Israel startete zudem am Sonntag eine neue Welle von Luftangriffen auf Teheran, woraufhin der Iran mit weiteren Raketenangriffen reagierte. Die Tötung des Obersten Führers Ali Khamenei einen Tag zuvor hatte den Nahen Osten und die Weltwirtschaft zusätzlich in Unsicherheit gestürzt. „Mit der Vergeltung, die sich nun auch in Angriffen auf Öltanker in der Straße von Hormus niederschlägt, ist die Bedrohung für die Ölversorgung deutlich gestiegen“, erklärt ANZ-Analyst Daniel Hynes in einer Mitteilung.
Analysten der Citigroup erwarten, dass die Nordseesorte Brent im Wochenverlauf zwischen 80 und 90 Dollar erreichen wird. Als Basisszenario werde den Analysten zufolge entweder ein Führungswechsel im Iran oder eine ausreichende Veränderung des Regimes gesehen, um den Krieg binnen ein bis zwei Wochen zu beenden. Alternativ könnte sich die US-Regierung zur Deeskalation entschließen, sofern sie ihre militärischen Ziele – darunter eine Eindämmung des iranischen Raketen-und Atomprogramms – in diesem Zeitraum erreicht habe.
Tatsächlich dürfte die Dauer des Krieges eine entscheidende Rolle für die Preisentwicklung spielen. Je länger die Unterbrechungen andauern, desto stärker wären die Auswirkungen auf den Ölmarkt. In einem Interview mit der The New York Times hatte US-Präsident Donald Trump gestern angegeben, dass die Angriffe auf den Iran wahrscheinlich „vier bis fünf Wochen“ dauern würden. Zugleich stellteer in Aussicht, Sanktionen aufzuheben, sofern eine neue Führung in Teheran sich als pragmatischer Partner erweise. Wie realistisch die Einschätzung des US-Präsidenten ist, sei dahingestellt.
Der Straße von Hormus kommt bei allen weiteren Entwicklungen eine zentrale Rolle bei. Wenn die Durchfahrt weiter gefährdet bleibt, etwa durch weitere Angriffe oder – noch schlimmer – Seeminen, die sehr langfristige Gefahrenherdewären, könnten die Preise laut der Analysefirma Wood Mackenzie sogar wieder die100 Dollar erreichen.
Sollte der Tankerverkehr allerdings „rasch wieder anlaufen oder es glaubwürdige Signale für eine Entspannung oder diplomatische Gespräche im Hintergrund geben, dürften die Preise nachgeben“, erinnert Haris Khurshid von Karobaar Capital in Chicago. Andernfalls sei mit einer Konsolidierung auf erhöhtem Niveau zurechnen.
Unterdessen einigten sich die OPEC+ Förderländer am Sonntag auf eine moderate Ausweitung der Produktion um 206.000 B/T ab April. Laut RBC-Analystin Helima Croft fördern jedoch nahezu alle OPEC+-Mitglieder bereits an ihrer Kapazitätsgrenze – mit Ausnahme Saudi-Arabiens. Selbst dort vorhandene zusätzliche Förderreserven könnten jedoch nur eingeschränkt genutzt werden, sollten zentrale Schifffahrtsrouten ausfallen. In einem solchen Fall wäre es deutlich erschwert, zusätzliches Öl tatsächlich auf die Weltmärkte zu bringen, betonte Croft.
Auch die IEA hat sich am Wochenende zu Wort gemeldet und angegeben, die Entwicklungen im Nahen Osten genau zu beobachten. Man stehe in engem Kontakt mit wichtigen Produzenten sowie den Mitgliedstaaten, erklärte IEA-Direktor Fatih Birol. Die in Paris ansässige Agentur koordiniert im Krisenfall die Freigabe strategischer Ölreserven aus Industrieländern.
Von einer solchen könne der Markt laut der Analysten von Goldman Sachs durchaus profitieren, jedoch dürften die weltweiten Lagerbestände aus Sicht der Expertenhoch genug sein, um einen längeren Zeitraum überbrücken zu können. „Die weltweit sichtbaren Ölvorräte belaufen sich derzeit auf 7,827 Millionen Barrel und liegen damit nahe ihrem historischen Medianwert, wenn man sie als Deckung für 74 Tage des weltweiten Bedarfs ausdrückt“, so die Analysten.
Dennoch bleibt die Situation am Ölmarkt aus fundamentaler Sicht aktuell bullish, zumindest solange der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus nicht offiziell – und gefahrlos – wieder aufgenommen werden kann.